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Freitag, 28. März 2008

Die andere Seite - der Hasenkurier berichtet

Die andere Seite dieses Erlebnisses
(mit freundlicher Genehmigung des Verfassers aus dessen Mails zusammen gesetzt)

***

Puh, mir schlug heute Nachmittag vor Aufregung das Herz bis zum Hals. Seit meiner Schulzeit ist es das erste Mal, dass ich mich mal wieder als Laienspieler versucht habe. Und dann live und ohne Probe. Hab den Osterhasen gemimt, der als Fahrradkurier getarnt ein Osterpäckchen ausliefert. Fast hätte ich mitten in der Vorstellung laut losgeprustet, wenn ich der Hauptdarstellerin direkt ins Gesicht gesehen hätte. Zum Glück konnte ich mich grad noch beherrschen und habe nur aus dem Augenwinkel das leicht verdutzte Gesicht der Protagonistin mitbekommen, bevor ich schleunigst wieder von der Bühne abgetreten bin. Bin froh dass ich überhaupt meinen Text einigermaßen hingekriegt habe. In sicherer Entfernung habe ich dann erst einmal tief Luft geholt und innerlich laut gelacht. Das Publikum an der Bushaltestelle schaute mich ein wenig fragend an als ob sie es gehört hätten.

Aber ich bin sicher, mein Auftritt ist angekommen.



... Nur, da war die Frage der Logistik. Am Einfachsten wäre beamen. Aber geht bei meinem ISP noch nicht. Also musste ich das Care Pack per Post oder selbst ausliefern. Die zweite Idee wurde von mir favorisiert, konnte ich so meinen Schabernack mit dir treiben. Doch an welche Adresse sollte ich es liefern. Kl...? Zu weit und damit zu großer Zeitaufwand. Am Sonntag noch schnell nach *Wohnort Sohn* oder *Wohnort Mutter* fahren, um es deinen Gästen mitzugeben? Wo bleibt dann mein Spaßfaktor? Also blieb nur *Firmenanschrift*.

Leider klappte es aus Zeitmangel nicht gleich am Dienstagnachmittag. Aber am Mittwoch sollte es losgehen, als Fahrradkurier getarnt. Meine orange Fahrradpacktasche lässt sich auch über die Schulter hängen. Gut. Blauer Helm oder oranges Cap? Am besten beides. Das Cap dann tief ins Gesicht gezogen und die Brille ab? Ein Kurier mit Brille? Nicht authentisch!? Es sei denn, er hat eine Bikerbrille. Die olle Winterlaufjacke von Tschibo mit den orangen Streifen rundet das Outfit ab. Auf den ersten Blick gehe ich als TNT-Kurier durch, einem zweiten Blick würde die Tarnung sicher nicht standhalten. Paket gepackt, Adressaufkleber drauf. Welchen Absender soll ich angeben? O. Hase ...? Zu auffällig? Was ist, wenn du schon beim Empfang drauf guckst? Werde ich gleich durchschaut? Ich riskier es.



Der Arbeitstag will kein Ende nehmen. Endlich Feierabend, und los geht's. Nach einer guten halben Stunde bin ich an der Zieladresse. Cap noch mal ins Gesicht gerückt. Kurzer Blick durch die Vorhänge. Wer ist im Büro? Bist du es? Oder deine Kollegin? Nicht wirklich zu erkennen. Soll ich wirklich? Ich nehme meinen Mut zusammen und betrete die "Höhle der Löwin". Ein kurzes "Tach" bring ich noch heraus, dann muss ich mich konzentrieren, dir nicht ins Gesicht zu sehen, um nicht die Beherrschung zu verlieren. Blutdruck und Puls steigen.

Wahrscheinlich steht mir die Nervosität ins Gesicht geschrieben. "Eine Lieferung für Frau ... " Hilfe, wie heiß du noch? Vor Aufregung hab ich Depp deinen Namen vergessen. Zum Glück steht er auf dem Adressaufkleber! "...". Gerettet! Die kurze Pause fällt anscheinend nicht auf. Nun schnell das Paket übergeben und raus. Ich bin froh, dass ich nicht nach einer Empfangsbestätigung gefragt werde. Brumme ein knappes "Und Tschüss" und mach mich hastig davon. Den Impuls, mich umzudrehen und zu winken kann ich grad noch unterdrücken. Eilig schwinge ich mich aufs Rad, um schnell Abstand zu gewinnen. Vielleicht hast du mich doch noch im letzten Moment erkannt und kommst aus dem Büro.

Eine Ecke weiter halte ich an, verstaue einen Teil der Tarnung in die Tasche und klemme sie wieder an den Gepäckträger. Die Fahrgäste an der Bushaltestelle beobachten mich misstrauisch. Mir egal, ich atme erst einmal tief durch und mach mich auf den Heimweg. Unterwegs kommen mir Zweifel. So richtig hab' ich ja nicht hingeschaut. Warst du es überhaupt? Deine Stimme? Klang sie nicht am Telefon anders? Lag es am Telefon oder an der Bronchitis oder war es doch die Kollegin, die da hinterm Tresen stand? In meiner beschränkten Wahrnehmung ist mir auch völlig entgangen, was du gesagt hast oder was du an hattest.

Hast du auch mitgekriegt, dass das Paket für dich ist? Womöglich landet es unbeachtet im Posteingangskorb. Wer weiß, wer es dann aus Versehen öffnet? Und wenn, bekommst du heraus, wer dir den Streich gespielt hat? Spätestens... sollte dir vielleicht ein Licht aufgehen.

Endlich zu Hause. Ungeduldig pell' ich mich aus den Klamotten, um gleich den Rechner anzuwerfen. Aber ich bin noch nicht aus den Schuhen, da klingelt mein Handy. Deine SMS. Amüsiert lese ich sie und freue mich wie ein Kind, dass mir die Überraschung doch gelungen ist.

***

Ein kleines Detail, das bei meiner Tarnung noch mitwirkte, vergaß ich zu erwähnen, die Freisprecheinrichtung meines Handys war angeschlossen und klemmte am Kragen. Zum einen, um die Authentizität zu erhöhen und zum anderen, um nach diesem Auftrag einen möglichen Call einer "neuen Kundin" entgegen zu nehmen *frechgrins*. Nur fiel mir der Knopf schon vor der Bürotür wieder aus dem Ohr.

Ja, die Coolness fehlte mir, sonst hätte ich ganz frech eine Rücksendung für meinen "Auftraggeber" verlangt. Auf deine Frage "Welche Rücksendung?" hätte ich dann sagen sollen: "Die Reste vom Osterkaffee". Aber an die Regieanweisung hat sich mein Hauptdarsteller, wegen seines Lampenfiebers, leider nicht gehalten. So ist er auch um seine mögliche Gage gekommen. Mit solchen Pannen muss man bei Live-Auftritten eben rechnen. Wenigstens das Timing stimmte. Einen Tag später wäre die Aktion wohl nicht gelungen.

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