Beobachtungen im Wartezimmer
Achtung, Lästeralarm!
Auf mein höfliches "guten Tag" antworten ein, zwei zaghafte Stimmchen. Ein freundlicher Gruß scheint nicht mehr üblich zu sein, lieber schleicht jeder gesenkten Hauptes durch den Raum? Ich habe keine Lust, eine der ausliegenden Illustrierten zu lesen und bilde mir ein, ich wäre ja auch ganz bald wieder draußen. (Man wird doch als spontaner Notfallpatient irgendwo zwischen geschoben? Ich wollte nur nur schnell mein Ersatzteil wieder befestigen lassen.)
Mangels besser Beschäftigung guck ich mir so die Patienten an:
Gegenüber sitzen offenbar Mutter und Tochter. Tochter Mitte 30, bisschen mollig, blondierte Haare mit breitem braungrauem Nachwuchs-Ansatz, große Glitzerohrringe aus Plastik, ansonsten unauffällig. Die Mutter, optische 65 Jahre alt, besticht durch braunledernes, gut in tiefe Furchen gelegtes Gesicht mit rosa Lippenstift, ein schönes Plissee im großzügigen Dekolletee, ebenfalls mallorcabraun, darüber eine lange Goldkette. Außerdem trägt sie schulterlange gelbblonde Haare und große rosafarbene Glitzerohrringe. Als die Mutter aufgerufen wird, verlassen beide den Warteraum - dabei präsentiert die Tochter ein sehr großes, rundes Rückendekolletee...
Zwei Plätze von mir entfernt sitzt etwas, das ich für ausgestorben hielt - aber anscheinend hat es in Neuwiedenthal den angemessenen Lebensraum gefunden: Püppi mit weißer Jogginghose, deren Hosenbeine hinten eingesteckt sind in ebenfalls weiße Turnschuhe mit Golddruck, dazu ein Trägertop in kreischpink. Die dunklen Haare sind auf dem Kopf zusammen gebunden, das lenkt den Blick wahrscheinlich besser auf den Lippenstift, ebenfalls kreischpink. Im Wartezimmer hängt ein großes Schild mit der Bitte, auf Handy-Benutzung zu verzichten. Das gilt selbstverständlich nicht für Püppi...
Kurz und knapp: Kommt ein junger Mann, neudeutsch ausgedrückt "mit Migrationshintergrund", dunkle Augen, dunkle Locken, fast unauffällig, füllt einen Fragebogen aus. Offenbar zum ersten Mal hier. Er öffnet den Mund (vielleicht denkt es sich besser bei Belüftung?): Wahrscheinlich ist er überhaupt das erste Mal in einer Zahnarztpraxis...
Neben mir eine kräftige junge Frau der Marke "sportlich" mit olivfarbener Weste, wadenlangen Hosenbeinen, schwarzen Turnschuhen und schwarzen Tennissocken. So weit, so gut - wenn da nicht dieser sehr, sehr, sehr dunkellila Lippenstift mit schwarzer Umrandung wäre...
[Schon zwei, nein drei, mit Lippenstift beim Zahnarzt. Wollen sie seine Gummihandschuhe verfärben oder soll er ihnen das Gesicht während seiner Handwerksarbeit verzieren? Wozu soll das gut sein?]
Labels: Blog

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