Ein Tag im meinem Leben im Jahre 2020

Heute morgen um 4.00 Uhr weckte mich, wie immer, mein Wecker. Ich bin gleich aufgestanden, um mich anzuziehen; duschen kann jeder nur noch einmal in der Woche. Wasser ist ein zu wertvoller Rohstoff geworden, als daß man ihn einfach so verschwenden sollte.
Ich habe ein Haus mit Erdgeschoß und der ersten Etage. Es steht in Polen neben dem Haus meiner besten Freundin. Wir sind gemeinsam umgezogen, weil es dort schon den größeren Schutz gegen das Ozonloch gibt. Vor dem Haus sind Röhren, die zu den Straßen führen, die Straßen sind überdacht; Natur, wie in meiner Kindheit, gibt es nicht mehr, alles ist mit Häusern vollgebaut. Die ganze Stadt ist in einer Art Schutzhülle. Keiner kennt mehr den Regen oder das Badengehen.
Ich habe zwei Kinder; Tina ist 9 Jahre alt, also 2011 geboren, und mein Adoptivsohn Tom ist erst 5 Jahre alt. Mein Mann arbeitet Tag und Nacht an einer Geheimforschung, niemand weiß genau, um was es dort geht. Er ist fast nie zuhause.
Um 4.30 Uhr mußte ich an meinem Arbeitsplatz sein. Ich arbeite in einem Chemielabor und forsche an einem Mittel gegen Hautgeschwüre, die durch das Ozonloch hervorgerufen wurden. Mein Kinderwunsch war es zwar immer, Bankkauffrau zu werden, aber es gab Wichtigeres als Leute zu bedienen, man mußte ihnen helfen.
Immer, bevor ich nach Hause gehe, muß ich mir an einem Computer meinen Arbeitszeitbeginn für den nächsten Tag abholen, manchmal ist dieser erst um 6.00 Uhr. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie ich zur Arbeit kommen kann; heute morgen fuhr ich zu Fuß. Die Wege bestehen seit sieben Jahren aus fahrenden Bändern, weil Autos abgeschafft worden sind.
Heute gab es nicht sehr viel zu tun, ich mußte die von mir gestern noch angefertigten Chemikalien in Daten in den Computer eingeben; mit Tieren zu forschen ist seitdem ich 18 war verboten. Kurz vor Arbeitsschluß drückte ich auf den roten Knopf; ich nenne ihn so, weil er eben dunkelrot ist und auf so einer Art Fernbedienung sitzt; wenn ich ihn drücke, wird meine elektronische Haushaltshilfe in Gang gesetzt und sie schickt meine Kinder zur Schule.
Ich hab' sie erst neulich dort angemeldet; die Schule ist ganz neu, sie geht über den ganzen Tag; abends werden die Kinder wieder abgeholt. Es gibt dort Freizeitbeschäftigungen und Sportangebote. Seitdem die Schule keine Pflicht mehr ist, sind die meisten Kinder sehr einsam. Im Unterricht wird mit Computern gearbeitet, und trotzdem haben die Kinder Kontakt zueinander. Tina und Tom haben die polnische Sprache schon fast perfekt gelernt; ich fahre immer noch zum Abendkurs.
Als ich um 12.30 Uhr wieder zuhause war, gab es erst einmal etwas zu Esen in Gesellschaft meiner Haushaltshilfe. Danach fuhr ich mit meinem Wandfahrstuhl in den ersten Stock, um mich etwas auszuruhen. Ein Wandfahrstuhl ist ein modern gestalteter Stuhl, fast schon ein Sessel, der in einer Schiene in der Wand verankert ist und auf Knopfdruck startet. Ich legte mich bis abends in meinen Bettraum, ein Raum, der nur ein Bett enthält, das das ganze Zimmer ausfüllt, und telefonierte, sah fern oder entspannte einfach nur, bis abends dann Tom und Tina kamen und sich gleich ins Bett legten. Ich fuhr zum Abendkurs und kam gegen 1.00 Uhr wieder.
Freizeit mit mir und meinen Kindern und ganz selten mit meinem Mann gibt es nur am Wochenende.
23.02.96
By Nina, die sich freut, dass ich diesen Text über die Jahre gerettet habe, und mit ihrer Erlaubnis.

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