Wie der Nikolaus entzaubert wurde
Ich war fünf Jahre alt. Nikolausabend, ich lag im Bett und konnte vor Angst nicht einschlafen:Heute Nacht sollte ja der Nikolaus kommen und süße Gaben bringen. In meinem Kopf rotierten sorgenvolle Fragen. Wir wohnten im ersten Stock, würde der Nikolaus durch das Fenster einsteigen? Wenn ja, hätte er wohl eine lange Leiter? Durch mein Fenster? Ohne dass ich es merken sollte? Oder käme er durch die Haustür? Wenn die Eltern schliefen? Wie denn - ohne eigenen Schlüssel? Wenn der Nikolaus das kann, schließlich ist er ein alter Mann, können das gewiss auch Bösewichte. Die kommen dann und holen mich, stopfen mich in einen großen Sack und schleppen mich weg...
Ich tapperte schließlich ins Wohnzimmer zu meiner Mutter, die mit Näharbeiten beschäftigt war, und schüttete ihr mein Herz aus, derweil mein kleiner Bruder von alldem nichts mit bekam, der tief und fest schlief.
Der einzige Weg, mich von meinen Sorgen und Ängsten zu befreien, bestand für meine Mutter darin, mit mir zu Ihrem Kleiderschrank zu gehen, mich auf den Arm zu nehmen und mich ganz hoch zu halten, damit ich drauf schauen konnte: Oben lagen vorbereitet all' die Süßigkeiten, die uns der Nikolaus bringen sollte! Sie erklärte mir dann, dass in Wirklichkeit sie der Nikolaus wäre und niemand unbemerkt in unsere Wohnung kommen würde. Puh, mir fiel ein Stein vom Herzen!
Einzige Bedingung für diese Offenbarung war, meinem Brüderchen nicht davon zu erzählen, er sollte doch noch ein Weilchen an den alten bärtigen Mann in seinem roten Mantel glauben...

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