[Achtung: sehr langer Text, aber ich muss diese Geschichte einfach loswerden.]
Pfingstsonntag war die Welt - sowohl die der Lady als auch meine - noch in Ordnung.
Am Dienstag während der Arbeit erhalte ich einen aufgeregten Anruf von R., mit dem die Lady mehr oder weniger verbandelt ist. R. lebt im sonnigen Süden und meldet sich an Sonn- und Feiertagen. Bei älteren Herrschaften werden derlei Vorhaben ja gerne zu festen Angewohnheiten inklusive uhrzeitgenauer Regelmäßigkeit. Zurück zum Thema: R. meldet sich also und fragt nach dem Befinden der Dame - er könne sie seit Pfingstmontag nicht erreichen und versuche es mittlerweile zu jeder Morgen-, Mittags- und Abendzeit. Ich beruhige ihn erst einmal. Und versuche selber fortlaufend, die Lady zu erreichen, vom Büro, später von zu Hause, bis in den späten Abend: Dies ist nicht von Erfolg gekrönt und ich verfalle langsam und sicher in Unruhe.
Am nächsten Tage kontaktiere ich mittags H., mein einziges Geschwisterwesen. Er verspricht, am Abend dort vorbei zu schauen. Uns gruselt es bei dem Gedanken, unsere alte Dame könnte möglicherweise seit drei (!?!) Tagen hilf- und reglos dahingestreckt in ihrer Wohnung liegen, insbesondere da mittlerweile mehr besorgte Anrufe von R. bei mir eingegangen sind.
Um 20.00 Uhr bekomme ich dann Entwarnung: Zum Zwecke des Staubsaugens hatte unsere Lady den Telefonstecker gezogen und das Gerät, ein älteres Modell ohne separate Stromversorgung, war somit seiner gespeicherten Einstellungen verlustig gegangen, was in diesem Falle zur Folge hatte, dass der Klingelton sehr leise - fast unhörbar war.
Dieser Diagnose ging voraus, dass H. zunächst an ihrer Wohnungstür klingelte, nachdem keine Reaktion erfolgte dann seinen Schlüssel benutzte - und nicht hinein kam. Denn: Das Sicherheitsbedürfnis der betagten Dame machte (und macht!) es dringend erforderlich, von innen die Kette vor die Tür zu legen. So wurde nun an der Tür gerüttelt und gelärmt, was sich zunächst als zwecklos erwies. Unsere Lady saß derweil froh und munter in ihrem Wohnzimmer und sah fern - unter Kopfhörern. Da ihr Hörvermögen eingeschränkt ist und sie nicht beabsichtigt, die gesamte Nachbarschaft an ihrem Fernsehprogramm akustisch teilnehmen zu lassen, ist das seit langem liebe Angewohnheit. Nach einer Weile nahm sie Geräusche aus Richtung der Haustür wahr, erschrak und bewegte sich in Richtung der zunehmenden Unruhe. Die sich aus der Tatsache ergab, dass, es hätte nur noch eines finalen Schulterstoßes bedurft, die Haustür beinahe gewaltsam geöffnet gewesen wäre. (Hätte ich im Treppenhaus vor dieser Situation gestanden, ich hätte mittels Handy den Notruf gewählt.)
Die ganze Familie ist also erleichtert, dass der Lady nichts widerfahren ist. Das Telefonklingeln wird wieder auf "laut" gestellt. Und die Welt könnte so schön und das Leben so einfach sein, wenn diese Geschichte hier ihr Ende hätte.
In den nächsten Tagen wird wieder und wieder die Bitte an mich heran getragen, ich möge doch bitte "jetzt sofort" mal durchklingeln, sie habe das Gefühl, das Telefon würde nicht läuten. Diese Tests verlaufen positiv, jedoch meldet sich jetzt bei der alten Dame immer öfter der Gedanke, sie müsse doch "nun endlich" auch "so ein modernes Telefon ohne Kabel" haben. Ich schlage vor, testweise eines meiner Geräte bei ihr anzuschließen und nach erfolgreichem Verlauf gemeinsam ein Telefon zu kaufen.
Aber: Bei nächster Gelegenheit wird mir mitgeteilt, sie habe sich ein Gerät besorgt, dieses sei sogar im Test als "gut" bewertet worden. Nun müssten wir kommen und das Telefon installieren. Mein Geschwister fährt hin, verkabelt alles. Und ich bekomme den Auftrag, es zu programmieren, da "diese technischen Sachen" doch eher meine Angelegenheit seien. Ich bin begeistert...
Ich nehme kurz darauf die Einstellungen vor, was sich als grauenvoll erweist, da die Menüführung äußerst kompliziert ist, die Bedienungsanleitung nicht minder. Beim Einrichten des Telefonverzeichnisses stellt sich heraus, dass unsere Lady stets und ständig mit den tagesaktuell günstigsten Call-by-Call-Vorwahlen hantiert. Es werden von mir "für alle Fälle, und wenn es mal ganz schnell gehen muss" die wichtigsten vier oder fünf Nummern gespeichert. Und die Frage, ob sie denn nun "in diesem Fenster" die Anrufer ablesen könne, muss ich abschlägig bescheiden, wobei ich auf Erklärungen, was analog oder ISDN ist, wohlweislich verzichte. Ich erkläre nur, dass ihr alter Anschluss bzw. Vertrag dieses Merkmal nicht hat. (Dies zieht sich in die Länge. Anschluss ist von 1970, beantragt durch die Deutsche Bundespost, ergo Vertragspartner ist T. Es gibt aber keinen "Vertrag" als solchen.) Zurück zum Telefon: Alles fertig eingerichtet, Anrufbeantworter auch, die wichtigsten Funktionen erklärt.
Aber nun könnte die Welt doch in Ordnung sein?
- Fortsetzung folgt -
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