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Donnerstag, 9. Juli 2009

Harburg for Sale

Vorhin bin ich ein wenig durch das "Lüneburger Tor" gelustwandelt. Sale hier, sale dort, 20%, 40%, 60 %, nimm 3 und bezahl 2, ein Ein-Euro-Shop links, der nächste rechts. Schuhe, T-Shirts, Haushaltswaren, alles fordert Aufmerksamkeit. Da kann man glatt übersehen, dass Harburg doch normalerweise die Zone der Bäckereien, Schuhgeschäfte, Friseure und Apotheken ist.



Im fröhlichen Wechsel werden Geschäfte geschlossen, vorübergehend Sonderposten-Läden eröffnet ("sale" zur Eröffnung) und geschlossen ("sale", denn alles muss wieder raus), neuerdings gesellen sich Asia- und ähnliche Imbissläden dazu. Drogeriemärkte eröffnen Zweit- und Drittfilialen, auch hier "sale"! Mindestens zwei Kosmetikmarken sind x % herab gesetzt in dieser Woche. Zu den normalen Apotheken hat sich vor einiger Zeit eine "Low-Price-Apotheke" hinzugesellt (bei meinem Antihistamin-Verbrauch allerdings sehr gut, was fair ist, muss fair bleiben). Nicht zu vergessen die wie Pilze aus dem Boden schießenden Handy-Läden.



Zum ersten Mal habe ich einen Ein-Euro-Shop von innen besehen, suchte ein Miniteil für die Küche, das mir helfen soll, meine Crostata zu verschönern. Ja, gefunden, aber auch ansonsten mich ein wenig umgeschaut. Alle Waren liegen in Plastikkörben: Von Schulmaterial über Geschirr, Kleinteilen für die Küche, Gewürzen, Tierfutter, allerlei Kerzen-und-Glas-Deko bis hin zu Kosmetika, Batterien und Naschwerk ist manches vorhanden. Partieware, klar. Jedes Teil bzw. jede Abpackung ein Euro. Drei, vier Kleinigkeiten gekauft und dann den Laden fluchtartig verlassen. Einkaufen dort macht keinen Spaß, aber je nach dem, was man sucht, ist er vielleicht einen zweiten Blick wert.



Ein Schuhgeschäft für Riesenfüße hat "sale"-Angebote vor der Tür. Hochwertige und hochpreisige Markenschuhe um 40 % reduziert. Tatsächlich, ein Schuh gefiel und passte, also mir den zweiten geben lassen zwecks Anprobe. Erste Enttäuschung: der zweite Schuh war wohl dereinst das "Straßenexemplar", dieser schwarze Schuh sah grau aus, der Farbunterschied war deutlich zu sehen. Gehört in die Mülltonne und nicht in den Verkauf! Außerdem war er viel zu eng. Nein danke. Der Chef des Hauses meinte gleich, er hätte etwas Ähnliches im Laden stehen, allerdings nur 20 % reduziert. Rechne... das wären dann 80 Euro? Mir zu teuer. Nein, das Paar Schuhe habe einen deutlich höheren Grundpreis von gut 130 Euro. Okay, ich bin nicht die Königin von Saba, nett bedankt und die Flucht angetreten.



Neben einem Geschäft mit hochwertiger Oberbekleidung hat ein "Asia-Shop" eröffnet. Was auch immer man sich darunter vorstellen mag - das ist es nicht. Ganz einfach handelt es sich um ein Bekleidungsgeschäft, das von einer Asiatin geführt wird, die übrigens sehr freundlich ist. Woher ich das weiß? Ganz einfach, mich lockten die T-Shirts auf dem Ständer vor der Tür an. Preise um die 10 Euro herum, aber viel interessanter war, dass diese Shirts andere Farben und Muster hatten als die überall vorhandene Einheitssoße. Viskose, dünnes Material aber nicht durchsichtig, gerade recht, falls der Sommer zurückkommen sollte. Ein, zwei, drei Teile geschnäppt. Laden merken und gelegentlich wieder hinein sehen.

Kurz einen Blick auf andere Angebote geworfen: Schuhe, Schuhe, Schuhe, sämtlich zum Vergessen... lang und schmal, Obermaterial hart, Absätze, die nach drei bis fünf Wegen das Zeitliche segnen und gleich den Reparaturbetrieb reich machen würden. Und natürlich alle Arten FlipFlops, nichts für mich. Handtaschen, denen man das Billigprodukt auf 10 m Entfernung ansieht.



"Damen-Boutique" mit "sale" vor der Tür in der Form "nimm 3 und bezahl 2, das preiswerteste ausgesuchte Teil gibt es geschenkt". Alles in pink, rosa und weiß. Zwei, drei Teile ganz nett, der Rest gehört in den Ein-Euro-Shop. Und die hübschen Teile sind auch nicht wirklich "billig". Lockangebote vermutlich.



Alles in allem: nicht unbedingt mehr gemütliches Bummeln zwischen den Einzelhandelsgeschäften. Damen mit Kopftüchern und Kinderkarren drohten mich umzukarren. An den "Billigheimer-Tischen" wird gedrängelt. Vor den seriösen Geschäften drehen sich die "sale"-Angebote einsam im Wind. Bei Tchibo ist außer dem riesigen "sale"-Plakat gleich gar nichts in der Auslage, dafür sitzt vor der Tür ein dunkelhäutiger Herr und versucht, seinen Kaffee zu genießen, bevor er kalt geweht ist, alternativ: es ihm hinein regnet. Bei "Balzac" stehen nasse Tische und Stühle einsam draußen herum - wie anders war es noch in der letzten Woche, im schönsten Sonnenschein herrschte dort viel Betrieb!



Dieses "sale"-Geschrei (obwohl nur geschrieben und damit in realità stumm) hat mit dem ehemals klassischen Sommerschlussverkauf nicht das Geringste zu tun. Ich habe eher das Gefühl, die Geschäfte müssen ihr Sommersortiment irgendwie an die Frau bringen, bevor der Herbst in die Lager Einzug hält, die allgemeine Kaufbereitschaft ist vermutlich doch stark zurück gegangen? Und die Ein-Euro-Läden suggerieren, dass hier alles ganz, ganz billig zu haben ist. Ist es zwar, aber die notwendigen Dinge des täglichen Bedarfs gibt es hier nicht! Die müssen in aller Regel trotzdem normalpreisig besorgt werden.



Die Einkaufsstraße ist nicht mehr, was sie einmal war, und unermüdlich halten einige Geschäfte, die "schon immer" dort waren, vielleicht noch ein kleines bisschen das Niveau hoch: Douglas für Schönheit und Wohlbefinden, Apollo und Fielmann für den Durchblick, Tchibo für ... (tausend Dinge). Der Bücherclub verramscht inzwischen auch. Bloß nicht mehr so viel hinsehen, überall bröckeln die Konsumfassaden, ab nach Hause!

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