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Mittwoch, 9. September 2009

Der zweiundachtzigste Geburtstag

Sie meinte, sie sei ja nun eine Greisin... So kommt sie mir nicht vor, oder ist es einfach so, dass man die eigene Mutter immer in einem ganz speziellen Licht betrachtet? Im Gesicht sind einfach nicht die tiefen Falten und Runzeln, die ich mit dem Wort "Greisin" assoziiere. Klar, den Terminus "körperlich fit" muss man mit Einschränkungen betrachten, aber eine alte Dame, die zwei Male pro Woche sich zum Fitness-Studio aufmacht, muss man wohl sonst mit der Lupe suchen! Geistig auf der Höhe ist sie auch, allerdings sind einige Ansichten vorgestrig, und so manche Geschichte wird häufiger erzählt als ich es mir wünschen würde, außerdem sollte man tunlichst das eine oder andere Thema meiden, um unnötige Verwirrung zu umgehen...

Als ich eintraf (einigermaßen beladen, denn einen großen Apfelkuchen für viele Esser hatte ich im Gepäck), war bereits mein Onkel L. anwesend, achtzig Jahre alt. Frisch und munter wie eh und je, im Gegensatz zu meiner Kinderzeit rank und schlank, strahlte er seinen speziellen und uns allen vertrauten Humor aus. Früher sagten wir, er sei ein "Sprüchemacher", heute ist das eben nur der altvertraute Onkel meiner Kindheit. Ich freue mich immer, wenn ich ihn (seit ein paar Jahren wieder) ab und zu sehe. Er ist sehr gut zu Fuß, fährt immer noch prima Auto und ist ständig in Aktion, kennt viele Leute und ist ausgesprochen unternehmungslustig. Aber natürlich ansonsten auch - wie sollte es anders sein - rückwärts gewandt.

Also.... ich traf ein und fand die beiden Herrschaften vor bei der Betrachtung uralter Fotos aus deren jungen Jahren, die allerdings jetzt weg geräumt wurden. Erstmal setzte ich eine Kanne Kaffee auf, der Kuchen konnte noch bis zum Eintreffen weiterer Gratulanten warten. Es folgte das Auspacken meiner Mitbringsel. (Ja, die Blanko-Postkarten waren heute gegen 13.30 Uhr endlich in der Post, und ich hatte gerade noch genug Zeit, sie durch den Drucker zu schicken und danach alles fein zu verpacken!) Während des Betrachtens der Karten erzählte L. eine nette Story über allerlei Tiere, die ihn auf seiner Terrasse zu besuchen pflegen - und es dauerte keine fünf Minuten, da gab es Geschichten aus dem Krieg zu hören. (Ich staune immer wieder über diesen zielgenauen fliegenden Themenwechsel!)

Ich bin all' diese Erzählungen aus den 30er und 40er Jahren so leid! Folglich machte ich ein höflich-interessiertes Gesicht und als kein Ende abzusehen war, sagte ich irgendwann "Nun ist es aber genug mit den Bombengeschichten." Oh Wunder, es wirkte!

Es wurden also weiter meine Druckwerke bestaunt. Gut, ich hatte die richtige Idee gehabt, aber so lange wollte ich dann doch nicht darüber reden, egal. Die nächste Viertelstunde ging es dann um das geschenkte Buch. Ob ich mit ins Kino zu dem Film gehen würde? Da ich ihn ja nun bereits gesehen hatte, konnte ich zumindest darüber einen mündlichen Abriss geben und einige der bemerkenswertesten Szenen schildern.

Der nächste Gast erschien auf der Bildfläche: Mein Bruder. Anlass für mich, als Hausfrau tätig zu werden und neuen Kaffe aufzusetzen, den Kuchen aufzuschneiden, den Tisch zu decken. Und genau passend erschien meine junge Dame. Solcherlei Unruhe mag ich, ich kann dann ständig irgendwas tun und muss nicht "entertainen". Für die Tochter also Tasse, Teller, Sitzmöbel organisiert. Noch eine Blumenvase aus dem Schrank geholt. Die Gesprächsführung Mutter, Bruder, Tochter überlassen und entspannt meinen Kaffee getrunken.

In kurzer Folge trafen nach ihrem jeweiligen Feierabend dann der Tochterpartner (sehr fein in seinem Geschäftsmann-Dress!) und die Bruderpartnerin (die mag ich auch gern und sehe sie viel zu selten) ein. Platzverteilung und noch einen Stuhl organisiert, Geschirr, Kuchen... und mich dann auch mal ganz egoistisch mit der Schwägerin unterhalten.

Gegen 20 Uhr verließen die jungen Leute und L. die Runde in heimatliche Richtung, und eine Stunde später, als die Erzählungen der Dame sich einzig um einen bestimmten ausländischen Herrn zu drehen begannen, war dieses das Signal für uns mittelaltes Volk, ebenfalls den Heimweg anzutreten. H. rollte bereits mit den Augen (nicht wirklich, aber mir kam es so vor), und ich kenne die Histörchen bereits und muss sie nicht zum hundertsten Male hören.

Ich denke, dass dieser Geburtstagsbesuch , wenngleich positiv empfunden, für die Lady anstrengend war, so dass nun gern auch bei ihr wieder Ruhe einkehren durfte.

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